Ohne Mückenstich schlappe ich zum Frühstück die Treppe rauf. Nachdem ich gestern Leticia erkundet hatte, soll heute ein ganz aufregender Tag werden. Ich möchte unbedingt den Amazonas sehen. Das muss auch zu Fuß auf eigene Faust gehen, und so wird es ein Erlebnis, dass mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Doch erstmal zum Frühstück, schließlich ist der Ausblick genial.

Frühstück auf der Terrasse in Leticia
Frühstück auf der Terrasse in Leticia

Es geht ein paar Treppen nach oben. In der dritten Etage ist die Terrasse des Hotels, wo auch das Frühstück serviert wird. Wow, was für ein Ausblick! Ich setze mich unter das Dach, denn die Sonne knallt schon heftig. Das wird mir noch die nächsten Tagefreude bereiten. Ich kann es nicht lassen und muss ständig aus dem Fenster schauen. Scheiben gibt es nicht, aber das braucht es hier auch nicht. Es ist ein Traum. Genauso, wie es in den Schnulzenfilmen ist.

Nun bekomme ich einen frischgepressten Saft und eine Schale mit Obst. Ananas, Mandarine und Banane. Lecker! Dazu werden mir Toast und zwei Spiegeleier gebracht.  Irgendetwas paniertes ist auf dem Teller, es schmeckt wie Jagdwurst, hoffentlich ist es auch sowas Ähnliches. Himmlisch! Eine gute Stärkung in den Tag.

Frühstück im Hotel
leckeres Frühstück im Hotel

Als ich fertig bin, begebe ich mich direkt in mein Zimmer, Klebe frisches Pflaster auf die Blase (eigentlich ist es keine Blase mehr, denn die Stelle ist jetzt offen). Ich packe Wasser in meinen Pacsafe-Rucksack und dann marschiere ich los. Ab durch die Mitte! Oder wie Captain Kirk einmal sagte: „Der Nase nach!“

Gibt es nun eine Maskenpflicht, oder nicht?

Ich laufe also immer der Nase nach, in Richtung Stadtende. Laut Karte gibt es keine Wege mehr, aber schließlich bin ich im Regenwald, da sind Straßen eh Mangelware. Es gibt ja nicht mal eine Straße von Kolumbien nach Leticia. Ich marschiere also munter weiter. Vorbei am Militärstützpunkt, wo mir der Soldat den Daumen nach oben zeigte. Ich hatte keine Maske auf, denn die ist ja in drei Sekunden durchgeschmitzt und das finde ich eklig. Aber er wollte mir nur ein „Buenos Dias“ zurufen.

Zum aktuellen Zeitpunkt besteht in Kolumbien eine Maskenpflicht in allen öffentlichen Bereichen. Ich würde sagen, das mit den Masken ist hier zu 1/3 – 1/3 – 1/3 geregelt. 1/3 trägt sie immer, ein Drittel trägt sie unter der Nase (In diese Kategorie gehört ein Großteil der Polizei) und das andere Drittel hat nicht mal eine Maske in der Hand. Die Ordnungshüter interessiert das herzlich wenig. Die grüßen immer freundlich. Spannend, denn seit ein paar Wochen ist Kolumbien kein Risikogebiet mehr. Aber egal, zurück zur Route.

Die Ureinwohner fahren Moped – auf zum indigenen Reservat

Eine Straße gab es hier nicht mehr, aber ich entdeckte einen kleinen Trampelpfad. Manchmal ist die eigene Nase ja schon unheimlich und es erscheint wie in einem Abenteuerfilm. Als ich diesen schmalen Pfad entlanglaufe, knattert es hinter mir. Ich drehe mich um und weiche einem Moped aus. „Aha, das wird mein Weg, da schein ja noch was zu kommen!“

Pfad Richtung Amazonas
Der kleine Pfad wird zu Beton

So wandere ich diesen Weg entlang. Ab und an kommen mir Menschen entgegen, Motorräder oder sie fahren in meine Richtung. Ein recht lebhaftes Treiben für diesen schmalen Pfad. Plötzlich wird aus dem Trampelpfad ein Stück befestigter Weg. Und wieder die Mopeds!

Später endet der Beton und es wird wieder ein Trampelpfad. Ich gehe einfach weiter, die Sonne meint es heute gut, deshalb muss ich immer mal Wasser trinken.

Die Holzbrücke im Amazonas Gebiet
Die Holzbrücke im Amazonas Gebiet

Nun stehe ich vor einer Brücke aus Holz. Irre, da fahren die mit Ihren Motorrädern drüber! Ich staune, aber nun weiß ich, dass ich die auch zu Fuß schaffe und mich das Teil aushält. Es hat schon was von Urwald und auch von Abenteuerfilm.

Nun komme ich an ein Schild, auf dem zu lesen ist, dass ich ein Reservat betrete. Okay, weiter geht’s. Nun tauche ich wieder in eine ganz andere Welt ab. Es ist ruhig. Nein doch nicht, ein Rasenmäher knattert. Ich laufe an Holzhütten vorbei, die auf Stelzen stehen. Das muss ja einen Grund haben, der Amazonas kann nicht mehr weit sein. Ich laufe weiter und nun ertönt Musik aus einer Hütte. Partymukke, nix Urwaldgesang! Immer mal wieder kommt mir ein Moped entgegen, dann spielen Kinder auf der Wiese. Hunde machen Ihren Job und bellen. Ein Kommando der Herrchen und Ruhe ist.

Indi Reservat am Amazonas
Indi Reservat am Amazonas

Nach einem Erlass der Regierung wurde dieses Land den indigenen Ureinwohnern zugestanden. Diese dürfen dort nach ihren eigenen Gesetzen und Bräuchen leben. Dafür müssen Sie es aber auch selbst bebauen. In diesem Fall ist es die RESOLUCIÓN 0009 DEL 5/05/1999. (Das habe ich erst später nachgelesen.)

Ich laufe immer weiter und bestaune das Dorf. Ich stehe mitten in Holzhütten, Bananenstauden und Palmen. Irre! Die Frauen schauen aus den Fenstern und die Männer liegen gechillt im Schatten. Wieder ein Moped!

Häuser auf Stelzen im Amazonas Gebiet
Häuser auf Stelzen im Amazonas Gebiet

Die Menschen rufen mir freundlich ein „Buenos“ entgegen. Das wird oft als Kurzform für alle möglichen Begrüßungen verwendet. Ich laufe den Pfad weiter und komme immer wieder an Holzhütten und Bananen vorbei. Was in meinem Kopf gerade so vor sich geht, weiß ich nicht so recht. Aber die Frage von gestern beschäftigt mich wieder: „Was bedeutet eigentlich arm?“ Es ist schon ziemlich bewegend.

Der Mann, der mich Gringo nannte

Plötzlich ruft ein Mann die Terrasse runter. Etwas auf Spanisch, aber ich kann ja kein Spanisch. Ich sage: „Amazonas“. Er erklärt mir auf Spanisch wo ich langgehen muss. Er spricht sehr schnell, ich verstehe also nichts. Ich verstehe ja auch kein langsames Spanisch! Ich sage: „No Espanol!“. Daraufhin dreht er sich zu seinem Sohn (der bequem auf dem Boden liegt) und sagt lachend: „Gringo, No Espanol!“. So nennen mich hier viele Menschen, wie im Western!

Er kommt gemütlich die Holztreppe hinunter und gibt mir mit der Handbewegung zu verstehen, dass ich ihm folgen soll. Brav mache ich das. Der Indi hat nur eine Bermudahose und ein paar Flipflops an. Ich würde nicht sagen, dass er gerannt ist, aber langsam war er auch nicht. Aber trotzdem strahlte er eine Ruhe aus. Wieder dachte ich: „Was für eine andere Welt!“ Zwei Häuser weiter baute ein Mann mit seinem kleinen Sohn gerade eine Holzhütte. Nun rief er zu ihm etwas nach oben. Habe nicht alles verstanden, aber erkennte wieder die Worte „Gringo“ und „Amazonas“. Nun ja, ich trottelte brav hinterher. Plötzlich bog er ab! Mitten ins Gebüsch! Es war ein kleiner Trampelpfad zu erkennen. Schwups, weg war er.

Mitten durchs Gebüsch
Der geheime Weg durchs Gebüsch

Das war alles Schilf. Ich rutschte immer mal aus, weil der Schlamm so rutschig war. Schließlich hatte ich Wanderschuhe an, da rutscht man eben aus. Der Indi flitzte mit seinen Flip-Flops durch den Matsch und amüsierte sich ständig, wenn ich mich fast auf die Nase legte. Er machte eine schnelle Armbewegung nach oben und zischte dabei „pfft“, was so viel wie „Flutsch“ bedeutete. Damit machte er sich schon ein wenig lustig. Ich sagte dann einfach: „Gringo Amazonas“ und grinste. Zwischenzeitlich wurde der Matsch zu Wasser und es kamen 10 cm tiefe Pfützen. Mit seinen Schlappen flitzte der Mann durch das Wasser, aber ich blieb erstaunt stehen. Er winkte mir zu und konnte überhaupt nicht verstehen, wieso ich da nicht durchwollte. So tapste ich mit meinen Wanderschuhen durch das Nass. Jetzt wieder Matsch. Jetzt wieder Wasser. Oje, das mache ich sonst nie.

Meine Schuhe im Amazonas Gebiet
im Amazonas – Matsch werden die Schuhe nass

Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass ich hauptberuflich als Sicherheitsingenieur im Arbeitsschutz tätig bin. Wenn Mitarbeiter im Matsch arbeiten müssen und Flip-Flops tragen, erfolgt grundsätzlich ein Negativeintrag im Mängelprotokoll. Das geht gar nicht. Aber die Realität zeigte mir: Mit Profilschuhen fliege ich auf die Schnauze und mit Flip-Flops geht’s ruckzuck durch den Matsch! Ich lerne daraus: falsches Schuhwerk wird künftig nicht mehr bemängelt! Sollen sich nicht so anstellen!

Nun bin ich Mitten im Amazonas

Er zeigte mir mit den Händen, dass hier der Amazonas sei, wenn die Regenzeit kommt. Aber wir müssen noch weiter. Ich fragte: „Alligator?“ Er sagte: „No, Anakonda!“ Dabei zeigte er mit den Händen, dass es sich um ein riesiges Vieh handeln müsse. „Ok!“, dachte ich mir, „auch gut!“. Insgeheim hoffte ich, dass wir keine treffen oder das Vieh auch ein leckeres Frühstück mit toller Aussicht hatte.

Indi am Amazonas
Mit Indi am Amazonas

Aber dann kam der Amazonas. „Ich darf tatsächlich den Amazonas sehen“. Handy raus und Foto! Foto! Noch ein Foto. Und wieder ein Foto. Staunend sagte ich: „Muchas Gracias! Soy Nico, y tu?“ „Eya“. (Ich habe keine Ahnung wie man das schreibt).

Eya frage mit den Händen, ob ich schwimmen will. Das war mir gar nicht geheuer, wer weiß was da alles für Viecher drinnen schwimmen! Aber schon standen nur noch zwei Flip-Flops im Sand und Eya schwamm im Amazonas. Unter Wasser, dann wieder über Wasser. Ich leerte all meine Hosentaschen (hatte Geld, meine Curve Card und meinen Reisepass drin) und steckte alles in meinen Packsafe. Schuhe aus und ab in den Amazonas. Oh wie herrlich. Ich durfte den nicht nur sehen, ich habe drin gebadet. Wie in einem Abenteuerfilm mit Hose und Gürtel. Es ist eine Stelle, wo sonst keine Menschenseele war. Nur zwei Holzboote schipperten den Fluss entlang. Der Amazonas war erst flach, denn wurde es kurz tief, danach wieder flach. Ich schwimme im Amazonas! Yeah! Eya zeigte mir, dass ich tauchen solle. Tat ich auch! Ist aber sehr trüb der Amazonas, deswegen habe ich nichts gesehen. Das war vielleicht auch besser so.

Der Amazonas
Der Amazonas hat gerade Niedrigwasser

Eya zeigte auf das gegenüberliegende Ufer und sagte: „Peru“. Das ist also Peru. Irre, ich plansche an einem „privaten, feinen Sandstrand“ im Amazonas und blicke von Kolumbien nach Peru. Dann zeigte er mit einer Handbewegung nach links und sagte: „Brasil“. Aus diesem Grund wird die Region nämlich Tres Fronteras genannt.

Erste Hilfe mit Wasser aus dem Amazonas

Als ich aus dem Wasser humpelte, schaute ich wohl etwas verstört auf meine Blase und die sandigen Socken. Das mit dem Sand geht auf keinen Fall!

Eya verzog das Gesicht aber fand eine alte Plastikflasche und füllte sie mit Wasser. Dann goss er das trübe Amazonas-Wasser über meinen Fuß und zeigte auf die Schuhe. Also ohne Socken rein in die Schuhe.

Als wir zurück durch den Trampelpfad liefen, erzählte er mir, dass er nicht Kolumbianer, sondern Indie sei. Jedenfalls habe ich das so verstanden. Das passte auch zum Reservat. Dabei hatte er einen stolzen Ausdruck im Gesicht.

Das Indianer Reservat am Amazonas
Das Indianer Reservat am Amazonas

Als wir wieder im Dorf waren, verabschiedete ich mich und wünschte ihm alles Gute. Da ich nicht wusste wie man das auf Spanisch sagt, faltete ich meine Hände wie zu einem Gebet. Eya zeigte mit der Hand nach rechts und sagte: „Leticia“. Schon war ich wieder auf meinem Weg durch das Indianerdorf. In der einen Hütte saßen immer noch die beiden Männer mit Ihrer Schnapsflasche und waren offensichtlich schon fröhlich. Nun, diese Seite gibt es hier eben auch. Unschön!

Der Weg vom Amazonas
Auch auf dem Rückweg begegnen mir Mopeds

Nun spazierte ich zurück ins Hotel. Dort zog ich meine Schuhe aus und spülte sie unter der Dusche ab. Eine Schweinerei, so viel Schlamm! Meine Hose und mein Hemd waren voller Sand. Pfui. Aber hey, ich habe nicht nur den Amazonas gesehen, sondern ich war drin!

Nun ging ich Duschen und ruhte mich etwas aus. Dann rappelte es mich wieder, denn morgen geht schon der Flieger nach Cartagena. Zwischenzeitlich merke ich schon den Sonnenbrand. Ups, das war nicht schlau!

Ab nach Brasilien – das Land des Amazonas

Aber gut, ab in die Sandalen und los nach Brasilien. Der Amazonas durchquert zu einem wesentlichen Teil Brasilien. Kolumbien ist nur ein kleiner Kleks.

Ein Fußmarsch von ca. 20 Minuten und wo war ich? In Brasilien! Leticia und Tabatinga sind zusammengewachsen. Grenzkontrollen gibt es nicht und so gehe ich einfach weiter! Ich war in Brasilien! Zack, fertig, abgehakt! Bis auf Sprache, Währung und Uhrzeit war alles ganz genauso, wie in Leticia. Aber ich war ja auch nur 10 Minuten dort. Hauptsache, Brasilien! Aber das mit der Uhrzeit ist schon krass. Ein Schritt über die Grenze und es war ne Stunde später. Ein Schritt zurück und die Stunde war wieder weg. Was hier alles geht…

Grenze Kolumbien Brasilien
Ein kleines Schild zeigt die Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien

Egal in welche Richtung: hier darf jeder über die Grenze, ohne sich einen Kopf zu machen. Kompliziert wäre es geworden, wenn ich über die Grenze nach Brasilien laufen würde und mit einem Flugzeug dann Brasilien verlassen würde wollen. Da mir der Einreisestempel fehlen würde, käme ich auch nicht aus Brasilien raus. Gleichzeitig müsste ich mir einen Ausreisestempel von Kolumbien holen. Für den Ausflug brauche ich keinen Stempel.

Das ist also Brasilien
Das ist also Brasilien

Was für ein Tag! Da musste ich mitten in die Pampa fliegen um durch ein Indi-Dorf zu spazieren, im Amazonas zu schwimmen, Peru zu sehen und ohne Passkontrolle nach Brasilien zu schlendern. Heute war so ein Tag, den es zu verarbeiten gilt. Das ist nämlich gar nicht so einfach!